{"id":133,"date":"2021-06-04T10:09:06","date_gmt":"2021-06-04T10:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/tiertcmaktuell.de\/?p=133"},"modified":"2021-06-04T10:16:17","modified_gmt":"2021-06-04T10:16:17","slug":"45-000-000-kueken-werden-jedes-jahr-sinnlos-getoetet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tiertcmaktuell.de\/?p=133","title":{"rendered":"45.000.000 K\u00fcken werden jedes Jahr sinnlos get\u00f6tet"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem im Fr\u00fchjahr 2019 das Urteil zur Weiterf\u00fchrung der bet\u00e4ubungslosen Ferkelkastration die Tiersch\u00fctzer ersch\u00fcttert hat, gibt es nun ein weiteres Urteil eines Obersten Gerichtes, dass heftige Diskussionen ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4nnliche K\u00fcken d\u00fcrfen wie bisher nach der Geburt durch schreddern und vergasen get\u00f6tet werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Hintergrund<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kreise in Nordrhein-Westfalen hatten diese seit Jahrzehnten allgemein \u00fcbliche Praxis des t\u00f6ten der m\u00e4nnlichen K\u00fcken auf Weisung des zust\u00e4ndigen nordrhein-westf\u00e4lischen Ministeriums untersagt. Der Kreis G\u00fctersloh und der Kreis Paderborn (Beklagte) hatten jeweils gegen\u00fcber einem Betreiber von Br\u00fctereien in ihrem Kreisgebiet (Kl\u00e4ger) entsprechende Untersagungsverf\u00fcgungen erlassen. Das Verwaltungsgericht Minden gab den Klagen der Betreiber der Br\u00fctereien statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gegen diese Urteile eingelegten Berufungen der beiden Kreise hat das OVG wurden zur\u00fcckgewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht hat diese Entscheidung nur im Ergebnis best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df \u00a7 1 Satz 2 TierSchG darf niemand einem Tier ohne vern\u00fcnftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Sch\u00e4den zuf\u00fcgen. Das Tierschutzgesetz sch\u00fctzt \u2013 anders als die Rechtsordnungen der meisten anderen Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union \u2013 nicht nur das Wohlbefinden des Tieres, sondern auch sein Leben schlechthin. Vern\u00fcnftig im Sinne dieser Regelung ist ein Grund, wenn das Verhalten gegen\u00fcber dem Tier einem schutzw\u00fcrdigen Interesse dient, das unter den konkreten Umst\u00e4nden schwerer wiegt als das Interesse am Schutz des Tieres. Im Lichte des im Jahr 2002 in das Grundgesetz aufgenommenen Staatsziels Tierschutz beruht das T\u00f6ten der m\u00e4nnlichen K\u00fcken f\u00fcr sich betrachtet nach heutigen Wertvorstellungen nicht mehr auf einem vern\u00fcnftigen Grund. Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe, aus Zuchtlinien mit hoher Legeleistung nur weibliche K\u00fcken zu erhalten. Anders als Schlachttiere werden die m\u00e4nnlichen K\u00fcken zum fr\u00fchestm\u00f6glichen Zeitpunkt get\u00f6tet. Ihre \u201eNutzlosigkeit\u201c steht von vornherein fest. Zweck der Erzeugung sowohl der weiblichen als auch der m\u00e4nnlichen K\u00fcken aus Zuchtlinien mit hoher Legeleistung ist allein die Aufzucht von Legehennen. Dem Leben eines m\u00e4nnlichen K\u00fckens wird damit jeder Eigenwert abgesprochen. Das ist nicht vereinbar mit dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes, f\u00fcr einen Ausgleich zwischen dem Tierschutz und menschlichen Nutzungsinteressen zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Alternativen zum t\u00f6ten der K\u00fcken<\/h2>\n\n\n\n<p>Um die Praxis des K\u00fcken t\u00f6tens zu beenden, hat das Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (BMEL) mit circa f\u00fcnf Millionen Euro die Entwicklung von Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei gef\u00f6rdert, um m\u00e4nnliche K\u00fcken nicht erst ausbr\u00fcten zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit wird an zwei Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei gearbeitet, das spektroskopische und das endokrinische. Das Ziel beider Analyseverfahren ist es, dass m\u00e4nnliche Tiere gar nicht erst schl\u00fcpfen. Die Eier werden dann als Tierfutter verwendet. Beim Ersten m\u00fcssen die Eier etwa vier Tage lang bebr\u00fctet sein, um sie untersuchen zu k\u00f6nnen. Mithilfe eines Lasers wird das Ei dann analysiert. Das Geschlecht des sich entwickelnden K\u00fckens kann anhand des reflektierten Lichts bestimmt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das endokrinische Verfahren wird bereits genutzt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Leipzig stellten es im vergangenen Jahr vor. Dabei wird nach etwa neun Tagen im Brutschrank ein winziges Loch in die Schale des Eis gebrannt und etwas Fl\u00fcssigkeit entnommen. Diese l\u00e4sst sich recht zuverl\u00e4ssig auf Geschlechtshormone testen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem der Supermarktkonzern Rewe verkauft bereits Eier im Gro\u00dfraum Berlin, die mithilfe des endokrinischen Verfahrens \u2013 auch Seleggt-Methode genannt \u2013 getestet wurden. Bis zum Jahresende sollen diese sogenannten Respeggt-Eier bundesweit angeboten werden. <strong>Dabei handelt es sich aber nicht um die Eier mit m\u00e4nnlichen K\u00fcken. Diese eignen sich nicht zum Verzehr, weil sie bereits im Brutschrank lagen. <\/strong>Ein Respeggt-Ei stammt von den geschl\u00fcpften weiblichen Geschwistern. Sie werden als Legehennen gro\u00dfgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Landwirtschaftsministerin Julia Kl\u00f6ckner (CDU) k\u00f6nnte die Seleggt-Methode schon ab 2020 fl\u00e4chendeckend zum Einsatz kommen. Kl\u00f6ckner sieht darin die M\u00f6glichkeit, dass Tierschutzgesetz einzuhalten, indem keine m\u00e4nnlichen K\u00fcken mehr schl\u00fcpfen, die dann get\u00f6tet w\u00fcrden. Die bebr\u00fcteten Eier k\u00f6nnen noch als Futtermittel in der Landwirtschaft verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stellen sich wiederum einige Fragen. Was macht die Landwirtschaft mit 45.000.000 Eiern, die nicht zum menschlichen Verzehr geeignet sind? An welche Tierarten sollen die verf\u00fcttert werden? Welche Folgeprobleme ergeben sich daraus?<\/p>\n\n\n\n<p>Ab welchem Zeitpunkt gesteht man dem ungeborenen Vogel ein Schmerzempfinden zu? Studien kl\u00e4ren das nicht schl\u00fcssig auf. Bislang divergiert die wissenschaftliche Meinung zum Zeitpunkt des Schmerzempfindens bei H\u00fchnerembryonen. Die Wissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass vor dem siebten Bebr\u00fctungstag keine Empfindungsf\u00e4higkeit vorliegt und sicherlich ab dem 15.Tagvon einem Schmerzempfinden ausgegangen werden kann. Zwischen dem siebten und 15. Tag gehen hingegen die Meinungen der Wissenschaftler noch auseinander, in Abh\u00e4ngigkeit davon, auf welche Studien sie sich berufen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zweinutzung<\/h2>\n\n\n\n<p>Nach Auffassung der \u00d6TZ (gemeinn\u00fctzigen \u00d6kologischen Tierzucht gGmbH, eine Initiative von Bioland und Demeter) ist ein Huhn ein Zweinutzungshuhn, wenn beide \u2013 also Hahn und Henne \u2013 reduzierte Leistungen haben und sich wirtschaftlich selber tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee des sogenannten<em> Zweinutzungshuhn <\/em>erinnert an Zeiten, in denen H\u00fchner noch auf Bauernh\u00f6fen frei umherliefen: \u201eEin Huhn, das Eier legt und sp\u00e4ter perfekt f\u00fcr einen Sonntagsbraten geeignet ist, war nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches in Omas guten alten Zeiten, aber andererseits war die hohe Leistung der heutigen Hybrid-H\u00fchner damals undenkbar\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann kommt auch schon der Haken: Mit bis zu 50 Prozent h\u00f6heren Kosten m\u00fcssen die Z\u00fcchter beim Futter rechnen. Die Eier sind kleiner, zudem l\u00e4sst die Legeleistung der weiblichen H\u00fchner schneller nach. Deren m\u00e4nnliche Pendants sind in der Fleischproduktion denen unterlegen, die auf Fleischansatz gez\u00fcchtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber auch zu denken, dass Henne nach einer Legeperiode, wenn sie in die Mauser kommen, bzw. mit 11-16 Monaten aussortiert und geschlachtet werden. \u201eNormale\u201c H\u00fchner k\u00f6nnen \u00fcber 10 Jahre alt werden, was bei den Legehybriden aus der Massentierhaltung wegen der extremen \u00dcberz\u00fcchtung hinsichtlich einer hohen Legeleistung aber leider meist nicht der Fall ist. Die Lebenserwartung dieser Hochleistungshennen ist daher oftmals k\u00fcrzer, als die eines \u201enormalen\u201c Huhns, d.h. mit 3-5 Jahren muss man schon mal mit ihrem Ableben rechnen, da die k\u00f6rperlichen Ressourcen durch die angez\u00fcchtete st\u00e4ndige Eierproduktion schneller verbraucht werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bruderhahn<\/h2>\n\n\n\n<p>Um das K\u00fcken t\u00f6ten zu vermeiden, wurde 2012 die Bruderhahn Initiative Deutschland (BID) von einigen Naturkostgro\u00dfh\u00e4ndlern und Demeter-Landwirten gestartet. Grundidee ist, f\u00fcr jede eingestallte Henne einen entsprechenden Hahn aufzustallen und bestm\u00f6glich zu m\u00e4sten. Da die H\u00e4hne jedoch nur langsam Fleisch ansetzen, brauchen sie viel Zeit (16-25 Wochen) und Futter bis zur Schlachtung, was nat\u00fcrlich kostenintensiv ist. Die Mehrkosten zahlen die Kunden \u00fcber einen Zuschlag f\u00fcr die eigens gelabelten Eier. Inzwischen machen 29 Bauern und neun Gro\u00dfh\u00e4ndler mit, die die Eier \u00fcberwiegend an norddeutsche Bio-L\u00e4den liefern. Neben der Bruderhahn Initiative setzen einige weitere Landwirte das Bruderhahn-Modell ebenfalls nach diesem System in regionalen Zusammenschl\u00fcssen oder als einzelne Markenprodukte auf ihren Betrieben um. Die Bauern der Bruderhahn Initiative verstehen sich dabei jedoch als \u201eSymptombek\u00e4mpfer\u201c bis es eine grundlegend alternativ gez\u00fcchtete Legehenne mit gut m\u00e4stbare Bruder gibt (Zweinutzungshuhn).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kommentar<\/h2>\n\n\n\n<p>Nachdem die Fleischproduzierende Industrie lange Jahrzehnte mit staatlicher F\u00f6rderung immer gr\u00f6\u00dfere Mastanlage, mit immer produktiveren H\u00fchnern f\u00fcr einen weiterwachsenden Markt (also f\u00fcr uns, die Verbraucher der H\u00fchner und Eier), entwickelt hat, ist nun ein, wenn auch noch sehr sanfter, Gegenwind sp\u00fcrbar. Seit 17 Jahren ist der Tierschutz Staatsziel, bis zur Verwirklichung dieses Zieles werden noch Jahrzehnte vergehen. In der Zeit von 2002 bis 2017 ist der Pro-Kopf-Konsum an Eiern in Deutschland von 209 pro Jahr auf 235 gestiegen. Deutsche Konsumenten kaufen ihre Eier dabei am h\u00e4ufigsten in den zahlreichen Discountern ein. W\u00e4hrend der Verbrauch an Schweinfleisch leicht r\u00fcckl\u00e4ufig ist, stieg der Verzehr von H\u00fchnerfleisch in den letzten Jahren an. Und wo Bedarf ist, gibt es einen Markt. Wo ein Markt ist, gibt eine Lobby, die ihre Anspr\u00fcche verteidigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufschrei in der Bev\u00f6lkerung war gro\u00df, als das Urteil bekannt wurde. W\u00fcrden genau diese Menschen konsequent auf den Konsum von Produkten verzichten, die unter ethisch nicht vertretbaren Umst\u00e4nden hergestellt werden, w\u00fcrde die Nachfrage sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sinkt nun die Nachfrage, so werden automatisch weniger K\u00fcken bebr\u00fctet und weniger K\u00fcken get\u00f6tet. Wir haben es also in der Hand, in dem wir die Nachfrage nach billigen tierischen Erzeugnissen durch unseren Konsum regeln. Ist es wirklich n\u00f6tig sich t\u00e4glich mit tierischem Protein zu versorgen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, Sie essen nur Bio? Auch in der Biobranche existiert die Diskrepanz zwischen Tiernutzung, Wirtschaftlichkeit und Tierwohl. Auch diese Tiere sind letztendlich zum Verzehr durch uns produziert und f\u00fchren bis dahin zwar ein besseres Leben, als ihre Freunde in der Massentierhaltung. Doch wirklich tiergerechte Nutzung von Tieren ist wohl ein Widerspruch in sich, der schon bei der Haltung von geliebten Hunden, Katzen, Pferden und Heimtieren nicht zu realisieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Kirsten, Tierheilpraktikerin<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen<\/p>\n\n\n\n<p>https:\/\/www.bmel.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/2018\/171-BMEL_Seleggt-Methode.html, abgerufen am 20.06.2019<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/525618\/02fc07ec955e3e2a1830c9ca38e2a1ff\/wd-8-030-17-pdf-data.pdf\">https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/525618\/02fc07ec955e3e2a1830c9ca38e2a1ff\/wd-8-030-17-pdf-data.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>https:\/\/www.bruderhahn.de\/oetz_newsletter-1709_mail.pdf, abgerufen am 20.06.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem im Fr\u00fchjahr 2019 das Urteil zur Weiterf\u00fchrung der bet\u00e4ubungslosen Ferkelkastration die Tiersch\u00fctzer ersch\u00fcttert hat, gibt es nun ein weiteres Urteil eines Obersten Gerichtes, dass heftige Diskussionen ausgel\u00f6st hat. 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