Resistente Keime

Keime oder Mikroben sind überall, im Wasser, im Boden, in der Luft, auf Fleisch und Sauerkraut und auch im Darm. Seit Milliarden von Jahren bevölkern sie die Erde und machen Leben erst möglich. Ihre Aufgaben sind vielschichtig. Sie können als Freunde oder als Feinde auftreten. Sie sind vielgestaltig. Zu ihnen zählen:

  • Mikroben/Mikroorganismen: kleinste, meist einzellige Lebewesen.
  • Bakterien: einzellige Mikroorganismen ohne Zellkern
  • Kokken: Kugelförmige Bakterien
  • Bazillen: stäbchenförmige Bakterien, wichtig für die Mikrobiologie des Bodens, wandeln organische Substanzen um.
  • Spirillen: spiralförmige Bakterien
  • Archaebacteria: in den 70er Jahren entdeckte Urbakterien, die auch in Extremverhältnissen, wie 110° und in Säuren überleben können.
  • Viren und Bakteriophagen: Micropartikel, die zur Vermehrung Zellen von Lebewesen nutzen. Sie heften sich an lebende Zellen und nutzen deren Stoffwechsel. Sie sind keine eigenständigen Lebewesen.
  • Prionen: infektiöse Proteinpartikel, Krankheitserreger, die tödlich und vererbbar sind.
  • Algen: ein -und mehrzellige Organismen, deren Lebensraum Wasser und Feuchtigkeit ist.
  • Pilze: Lebewesen, deren Zellwände Chitin und/oder Zellulose enthalten. Sie gelten als eigenständiges Reich neben Pflanzen und Tieren.
  • Flechten: Symbiose aus Algen/Blaualgen mit Pilzen.

Aufgaben der Bakterien in der Umwelt

Ohne Bakterien ist kein Leben möglich. Bakterien zersetzen Stoffe und stellen sie anderen Lebensformen als Nahrung bereit, zum Beispiel den Pflanzen als kompostierte Erde. Bakterien sind Teil des Stickstoff – und Kohlenstoff-Kreislauf und sie sind gemeinsam mit Algen und grünen Pflanzen an der Photosynthese beteiligt.

Die Besiedelung des Säugetiers durch Bakterien

Die Haut und die meisten der Schleimhäute sind durch Mikroben besiedelt. Alle Abschnitte des Verdauungstraktes, der Urogenitalorgane und die gesamte Hautoberfläche inklusive der Augen werden von unterschiedlichen Mikrobengesellschaften bewohnt. Ihre Aufgaben beginnen bei der Unterstützung des Immunsystems indem sie eine Barriere gegenüber krankmachenden Eindringlingen bilden. Sie sind an der Bildung und Aufnahme von Vitaminen beteiligt und verwerten und entsorgen Abfallstoffe. Bei vielen Stoffwechselprozessen bieten sie Unterstützung.

Befindet sich die Mikroflora im Gleichgewicht so dient sie der Gesundheit des Wirtes. Jede externe oder interne Störung führt zu Krankheit.

Bakterien und der Verdauungstrakt

Die Schleimhäute des Verdauungstraktes verfügen über ein eigenes Abwehrsystem, das „Mukosa-Immunsystem“. Dringen Fremdeiweiße/Antigene in den Verdauungstrakt, reagiert das Abwehrsystem mit der Bildung von Antikörper-Eiweißstoffen, den IgA-Molekülen. Diese Antigen-Antikörper-Reaktion aktiviert die Bildung von Lymphozyten im Respirationstrakt, im Verdauungstrakt und im Urogenitaltrakt. Bei fortgesetztem Antigenkontakt werden Phagozyten/Fresszellen aktiviert und Zytokine freigesetzt. Diese Signalmoleküle regulieren die Immunantwort. Die Phagozyten, unterteilt in neutrophile Granulozyten, Monozyten und Makrophagen, durchlaufen in der Kindheit ein Training, in dem sie lernen körpereigene Zellen von Eindringligen zu unterscheiden. Die Lymphozyten als Unterscheidungszellen teilen den Fresszellen mit, wer erwünscht und wer unerwünscht ist.

Auch das Nervensystem ist durch die Ausschüttung von Neurotransmittern an der Koordination der Abwehr beteiligt. Vergleicht man die Körperabwehr mit einer Streitkraft, so haben Eindringlinge kaum eine Chance durchzukommen, wenn die Verteidigungslinien optimal besetzt sind.

Eine wichtige Barriere bildet die Kolonisationsresistenz. Die körpereigenen Mikroflora verhindert die Ansiedlung möglicher pathogener Keime. Überwinden sie diese erste Barriere des Darms, so wird das weitere Vordringen vom Mukosa-Immunsystem verhindert. Eindringlinge die diese Hürde genommen haben, werden von Antigen-Antikörper-Reaktionen und Fresszellen aufgehalten. dringen zu viele Keime ein, und überleben, werden sie im Körper Infektionen auslösen und ihn gegebenenfalls töten.

Dies ist eine stark vereinfachte Darstellung der komplexen Vorgänge im Körper. Andere Mechanismen wie das Nervensystem, das Hormonsystem und die Psyche müssen im Kontext von Krankheiten und deren Abwehr mitberücksichtigt werden.

Antibiotika

Das letzte Jahrhundert wird in die Medizingeschichte als das der Antibiotika eingehen. Entdeckung und Anwendung der Antibiotika gehören zu den bedeutendsten Entwicklungen der Medizingeschichte. Louis Pasteur formulierte den Satz „Leben verhindert Leben“, nachdem er 1877 erkannt hatte, dass sich manche Bakterienarten gegenseitig am Wachstum hindern.

1893–1897: Vorarbeiten von Gosio und Duchesne

Aus einem Schimmelpilz der Gattung Penicillium isolierte Bartolomeo Gosio 1893 Mycophenolsäure, die er sogar kristallin darstellen konnte. Gosio beobachtete, dass er damit das Wachstum des Milzbranderregers behindern konnte. Er veröffentlichte diese Arbeiten 1893 und noch einmal 1896; sie wurden jedoch international nicht wahrgenommen, wohl weil er auf Italienisch schrieb.

Ebenfalls bereits dreißig Jahre vor Alexander Fleming, dem „offiziellen“ Entdecker des Penicillins, schrieb der französische Militärarzt Ernest Duchesne seine Doktorarbeit über seine als Medizinstudent gemachte Beobachtung, dass bestimmte Schimmelpilze über antibiotische – also Bakterien abtötende – Eigenschaften verfügen. Er gilt heute als erster Entdecker der antimikrobiellen Wirksamkeit von Schimmelpilzen.

Angeregt wurden seine Forschungen durch die Beobachtung, dass die im Militärhospital beschäftigten arabischen Stallknechte die Sättel für die Pferde in einem dunklen, feuchten Raum aufbewahrten, um die Bildung von Schimmelpilzen zu fördern. Auf Duchesnes Frage, warum sie das täten, antworteten die Stallburschen, dadurch würden die Wunden, die durch das Scheuern der Sattel entstünden, schneller abheilen. 1896 bereitete Duchesne eine Lösung aus diesen Schimmelpilzkulturen zu und injizierte sie mehreren erkrankten Meerschweinchen. Wie sich herausstellte, genasen alle Versuchstiere nach verabreichter Injektion.

Was sind Antibiotika?

Ein Antibiotikum (griech. anti- „gegen“ und bios „Leben“; Mehrzahl: Antibiotika) ist ein Stoff, der einen hemmenden Einfluss auf den Stoffwechsel von Mikroorganismen hat und so deren Vermehrung oder Weiterleben unterbindet. In der Regel werden Antibiotika als Arzneistoffe zur lokalen oder systemischen (im ganzen Körper wirkend) Therapie bakterieller Infektionskrankheiten definiert.

Herkunft

Antibiotika werden als natürliche Stoffwechselprodukte von Bakterien, Pilzen und höheren Organismen (z.B. Pflanzen, Amphibien, Manteltieren) gebildet. Sie dienen zum Beispiel der Abwehr von Infektionen oder schalten direkte Konkurrenten im Ressourcenwettbewerb aus. Zur Arzneimitteltherapie verwendet man Substanzen, die entweder vollsynthetisch, teilsynthetisch oder biotechnologisch gewonnen werden.

Sie werden meist von Pilzen oder Bakterien produziert, deren Antibiotikaproduktion und -spektrum durch Veränderungen der Gene im Vergleich zu den Wildstämmen gesteigert wurde.

Wie wirken Antibiotika?

Zum Verständnis von Resistenzproblemen muss man die Wirkmechanismen der Antibiotika und der Erreger betrachten. Es ist ein Teufelskreis aus Resistenzen, Abwehrschwächen und Kettenreaktionen entstanden.

Antibiotika hemmen das Wachstum von Mikroben oder töten sie, indem sie die Gen- oder die Protein/Eiweiß-Synthese hemmen, die Durchlässigkeit der Zellmembran ändern oder den Zellstoffwechsel schädigen.

Werden sie im Kapseln eingenommen, gelangen sie über die Magen-Darm-Passage und die Leber in den Blutkreislauf und von dort aus an ihren Zielort, den eigentlichen Krankheitserreger. Auf dem Weg dorthin begegnen sie vielen Mikroben die zur gesunden Flora gehören und dem Mukosa-Abwehrsystem. Da Antibiotika nicht selektiv wirken, entfalten sie auf der gesamten Passage ihre bakteriostatische oder bakterizide Wirkung und stören das natürliche Gleichgewicht der gesunden Mikroflora. Häufige Gaben verstärken diesen Vorgang.

Werden Antibiotika durch Injektion verabreicht, so tritt schnell eine Wirkung im ganzen Körper ein.

Wie reagieren Bakterien auf Antibiotika?

Ein Beispiel: Ein bestimmtes Antibiotikum hemmt die Bildung der Zellwand von Bakterien durch einen Inhaltsstoff (Beta-Laktam-Antibiotika).

Einige Bakterien (z.B. Staphylokokken) sind in der Lage ein Enzym zu bilden, das eben diesen Wirkstoff inaktiviert. Ist eine höhere Konzentration von Beta-Laktam-Antibiotikum vorhanden, wird auch das Enzym vermehrt gebildet. Das ist eine mögliche Resistenzbildung von vielen Strategien, die Bakterien entwickeln. Um diese Resistenzentwicklung zu überlisten sind Hemmstoffe gegen die Enzyme der Bakterien (z.B. Clavulansäure) entwickelt worden, die bei gleichzeitiger Gabe mit dem Antibiotikum dessen Wirksamkeit erhöhen, allerdings wurden kürzlich zunehmend Bakterienstämme beobachtet, die wiederum dagegen Enzyme bilden……

Eine andere Möglichkeit der Bakterien sich gegen Antibiotika zu wehren ist ein spezielles Resistenzgen, das nicht auf dem bakteriellen chromosomalen Erbgut, sondern davon getrennt, auf einem kleinen mobilen genetischen Element sitzt, das Plasmid genannt wird. Solche Resistenzplasmide können leicht zwischen verschiedenen Bakterien ausgetauscht werden, so dass es auf diesem Weg zu einer Weiterverbreitung der Resistenz kommen kann.

Wie entstehen Resistenzen?

„Dort, wo Antibiotika häufig eingesetzt werden, gedeihen resistente Bakterien: bei Patientinnen und Patienten im Krankenhaus, im Pflanzenschutz oder bei Nutztieren im Stall. Neben Erregern wie dem im Krankenhaus gefürchteten methicillinresistenten Staphylococcus aureus (MRSA) verdienen auch antibiotikaresistente Bakterien auf Lebensmitteln, wie Salmonellen oder Campylobacter, Aufmerksamkeit: Sie werden regelmäßig auf roher Putenbrust oder Hähnchenkeulen nachgewiesen. Zwar töten ausreichendes Kochen und Braten die Bakterien ab. Wenn sie jedoch vorher auf andere Nahrungsmittel wie Salat oder Brot gelangen, können sie bei Verzehr im Verdauungstrakt zu Erkrankungen führen oder ihre Resistenzen an andere Bakterien im Organismus übertragen. Verbreiten sich die Erreger und ihre Resistenzgene, werden sie zum Problem – weil Antibiotika dann möglicherweise nicht mehr wirken.“ (Quelle:https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2019/19/antibiotika_am_limit__bakterien_wappnen_sich_gegen_reservemittel-240989.html, zuletzt am 7.3.2021 geprüft)

Andere Möglichkeiten der Resistenzbildung

Eine Infektion wird mit einem Antibiotikum bekämpft, es bleiben wenige Erreger in Nischen zurück. Hat nur eines der Bakterien ein Resistenzgen, das eben das verabreichte Antibiotikum erkennen und abwehren kann, wird es sich, in der durch das Antibiotikum „aufgeräumten“ Umgebung auch ungestört vermehren können. Nach einer Regenrationszeit kann die Infektion erneut aufflammen und nun ist das Antibiotikum unwirksam.

Da Infektionen naturgemäß übertragbar sind, werden damit auch die Resistenten Bakterien weitergegeben. Gerne dort, wo sich viele kranke oder geschwächte Menschen oder Tiere aufhalten.

Eine weitere Möglichkeit der Resistenzausbreitung sind Gen-Informations-Übertragungen von Bakterium zu Bakterium. Dieser findet auch zwischen unterschiedlichen Bakterienarten statt. Diese Strategie wird durch die Anwesenheit von Antibiotika gefördert.

Zusätzlich werden Resistenzgene mit dem Antibiotikum verabreicht. Die Anzucht der Antibiotika erfolgt auf Substraten aus Pilzen u.a. Diese sind gegen das Antibiotikum resistent. Ihre DNS lässt sich nicht in allen Fällen von dem Antibiotikum trennen und gelangt so in den erkrankten Körper. Das Erreger-Bakterium nimmt die Fremd DNS dankbar auf….

Wie intelligent Bakterien sind zeigen folgende Antibiotika-Abwehr-Strategien:

  • Resistenzgene aktivieren eine verminderte Durchlässigkeit der Zellmembran, Antibiotika können nicht eindringen.
  • Eingedrungene Antibiotika werden wieder herausgepumpt bevor sie wirken können.
  • Die Struktur des Bakteriums ändert sich, das Antibiotikum findet keinen Angriffspunkt.
  • Gezielt gebildete Spaltsysteme des Bakteriums greifen die Antibiotika-Moleküle an und vernichten oder inaktivieren sie.
  • Auch mehrere dieser Mechanismen stehen einem Bakterium zur Verfügung.

Desinfektionsmittel können Antibiotikaresistenzen fördern

„Kreuzresistenzen: Diese entstehen, wenn ein Resistenzmechanismus Mikroorganismen unempfindlich gegen gleich mehrere antimikrobielle Wirkstoffe macht. Unter anderem können sogenannte Effluxpumpen dafür verantwortlich sein: Sie transportieren Biozide und Antibiotika aus den Bakterienzellen heraus.

Co-Selektion: Häufig befinden sich in Bakterien mehrere Resistenzgene gemeinsam auf mobilen genetischen Elementen wie Plasmiden. Verschiedene Resistenzen können dann gleichzeitig auf ein Bakterium übertragen und durch Biozide co-selektiert, also angereichert, werden.

Stimulierung der Übertragung: Geringe, nichttödliche Biozidkonzentrationen können die Übertragungsrate von Plasmiden erhöhen und damit möglicherweise die Verbreitung von Resistenzgenen direkt fördern.“

Quelle: https://www.bfr.bund.de/cm/343/resistenz-entwicklung-gegen-desinfektionsmittel-in-der-lebensmittelkette.pdf, 2021.03.07

Die Aussichten

Bakterien haben einen derart kurzen Entwicklungszyklus, dass die Pharmaindustrie mit ihren Antworten nicht mehr nachkommt. Enterokokken sind bereits gegen das mächtige Vancomycin resistent. Enterokokken sind in ihren angestammten Lebensräumen nicht pathogen, übertragen aber ihre Resistenzinformationen auf pathogene (krankmachende) Bakterien. Für die Gattung Staphylokokken, die bereits gegen fast jedes Antibiotikum resistent sind, würde das bedeuten, dass gegen sie kein einziges Antibiotikum mehr wirksam wäre.

„Neue antimikrobiell anwendbare Medikamente sind nicht in Sicht. Der Grund: Viele namhafte Pharmafirmen sind aus diesem Milliardengeschäft ausgestiegen-„Die Pipeline ist ausgetrocknet“, so ein verantwortlicher Wissenschaftler aus den USA.“ (Quelle: Volker Rusch, Bakterien-Freunde oder Feinde)

Weitere Faktoren zur Bildung von Resistenzen

Antibiotika wurden und werden nicht nur zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt, sondern auch in der Massentierhaltung. Dabei wurden 70% zur Mast und 30% für Krankheiten und deren Prophylaxe eingesetzt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt dazu:

21.07.1995 Resistenzen gegen Tierarzneimittel breit erfasst

Die Ergebnisse einer Resistenzauswertung von Bakterienarten, die als Krankheitserreger bei landwirtschaftlichen Nutz- und Haustieren von Bedeutung sind, hat das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin, BgVV, jetzt als Berichtsband veröffentlicht. In die Untersuchungen, die an 29 Instituten methodisch einheitlich erfolgten, wurden die fünf neuen und sieben alte Bundesländer einbezogen. Alle in der Veterinärmedizin verfügbaren Arzneimittelwirkstoffe wurden in Antibiogrammen getestet…….. Bei der Therapie von Hunden muss auf Resistenzen bei Clostridium perfringens, Staphylococcus aureus, Staphylococcus intermedius und Streptokokken geachtet werden.

29.01.1996 Avoparcin als Futterzusatzstoff in der Tierernährung vorläufig verboten

Neue Daten erhärten den Verdacht auf Resistenzentwicklung

13.02.1996 Leichter Anstieg der Resistenzen gegen „neue“ Tierarzneimittel zu beobachten

Vor einem Einsatz von Antibiotika immer die Empfindlichkeit der Erreger prüfen.

07.08.1996 Rückstandskontrollen bei Schlachttieren und Fleisch belegen die fortwährende illegale Anwendung bestimmter Substanzen

Die illegale Anwendung bestimmter Substanzen in der Tiermast hat im Jahr 1995 zugenommen. Dies zeigen die Ergebnisse der Kontrollen auf Rückstände bei Schlachttieren und Fleisch, deren Durchführung in Deutschland seit 1989 auf der Grundlage des nationalen Rückstandskontrollplanes vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin koordiniert wird.

14.04.1997 BgVV fordert zu zurückhaltendem und sorgsamem Umgang mit Tierarzneimitteln und Futterzusatzstoffen auf

Neben anderen Institutionen hat sich die Weltgesundheitsorganisation, WHO, besorgt über die weltweite Entwicklung der Resistenzsituation gegenüber Antibiotika geäußert. Zu den Faktoren, die die Ausbildung von Resistenzen fördern, zählen in erster Linie die Überanwendung von Antibiotika in der Humanmedizin, aber auch der Einsatz von Antibiotika bei Tieren und Pflanzen wird als ergänzender Faktor diskutiert.

02.05.1997 Erneut illegale Wirkstoffe bei lebensmittelliefernden Tieren eingesetzt

06.10.1997 BgVV will Beobachtung von Tierarzneimitteln nach der Zulassung intensivieren

Pharmakovigilanz soll Verbraucher- und Tierschutz gleichermaßen gewährleisten

20.02.2002 Experten empfehlen: Einsatz von Fluorchinolonen auf das therapeutisch notwendige Maß begrenzen

…Seit etwa zehn Jahren wird ein Anstieg der Resistenzen gegenüber Fluorchinolonen beobachtet. Zu den fluorchinolon-resistenten Keimen gehören u.a. bestimmte Salmonellen- und Campylobacter-Stämme. Diese Keime sind bei Tieren weit verbreitet, gehen hier aber selten mit Erkrankungen einher. Werden sie auf den Menschen übertragen, können sie unterschiedlich schwere Magen-Darminfektionen hervorrufen. Wenn es sich dabei um fluorchinolon-resistente Keime handelt, bleiben therapeutisch eingesetzte Fluorchinolone wirkungslos. Obwohl viele der durch Salmonellen oder Campylobacter hervorgerufenen Erkrankungen eher leicht verlaufen, hängt der „Krankheitswert“ der Resistenzentwicklung stark vom Immunstatus des einzelnen Menschen ab. Im Einzelfall kann er dramatisch sein und zum Tod führen. Neben anderen gilt der Lebensmittelpfad deshalb als bedeutender Faktor bei der Ausbreitung von Resistenzen.

01.04.2003 -Resistenz bei Keimen in der Fleischproduktion zu hoch

Problematisch ist nach Ansicht der BfR-Wissenschaftler auch, dass die beim Rind und Schwein gefundenen resistenten Keime zu über 90 % unempfindlich gegenüber fünf und mehr verschiedenen Antibiotika sind. Das gilt für E. coli- und Salmonella-Stämme gleichermaßen. Träger dieser Resistenz sind sogenannte „Integrons“. Bei „Integrons“ handelt es sich um genetisches Material. Sie sind sehr mobil und wirken als eine Art „Gentaxi“. Sie können Resistenzgene sowohl innerhalb der eigenen Art als auch artübergreifend „transportieren“. Damit besteht die Gefahr, dass die Multiresistenz auch auf bisher nichtresistente Salmonella- bzw. E. coli-Stämme, möglicherweise sogar auf andere Zoonosen-Erreger überspringt.

Die bisherigen Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen, dass es zwischen den aus Lebensmitteln und Tierbeständen isolierten resistenten Keimen weder im Hinblick auf die genetischen Eigenschaften noch auf die Häufigkeit des Vorkommens der Resistenzen Unterschiede gibt. Das bedeutet, dass resistente Zoonosen-Erreger aus den Ställen über die Nahrung zum Menschen gelangen können.

10.01.2014 Keime in der Küche: Tipps zur Lebensmittelhygiene

BfR aktualisiert Empfehlungen zum Schutz vor Lebensmittelinfektionen im Privathaushalt

26.06.2014 Tierische Nebenprodukte bei der Schlachtung: Risiko oder Rohstoff?

Werden Rinder, Schweine und Geflügel zur Gewinnung von Lebensmitteln geschlachtet, fallen auch Nebenprodukte an, die nicht für den Verzehr bestimmt sind. Dazu gehören neben bestimmten Organen und Körperteilen auch Knochen, Haut, Federn oder Fett. Aus einem Teil dieser tierischen Nebenprodukte können Folgeprodukte hergestellt werden, die für die Produktion von Kosmetika, Heimtierfutter, Arzneimitteln oder Leder eingesetzt werden.

19.01.2015 Herausforderung Antibiotikaresistenzen – eine ganzheitliche Betrachtung und neueste Erkenntnisse zur Risikowahrnehmung

….Das BfR begrüßt das Antibiotika-Minimierungskonzept in der Tierhaltung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und empfiehlt die Anwendung von Antibiotika, insbesondere von Antibiotika mit besonderer Bedeutung für die Humanmedizin, in der Tierproduktion kritisch zu hinterfragen. Haltung und Management der Tierbestände sollten so verbessert werden, dass die Tiere gesund bleiben und eine Behandlung mit Antibiotika nicht erforderlich ist…..

02.11.2015 Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft rückläufig, Antibiotikaresistenzen stagnieren

BfR veranstaltet internationales Symposium „Antibiotikaresistenz in der Lebensmittelkette“ am 2. und 3. November in Berlin

…..Der Vergleich von Resistenzmustern entlang der Lebensmittelkette zeigt, dass Erreger, die im Stall nachgewiesen werden, entlang der Lebensmittelkette verschleppt werden und über kontaminiertes Fleisch in Privathaushalte gelangen können. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass hohe Keimzahlen während der Verarbeitung von Fleisch auf Küchenutensilien übergehen können. Der Eintrag von resistenten Keimen über rohes Fleisch in den Privathaushalt kann bei mangelnder Küchenhygiene somit dazu führen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher resistente Keime aufnehmen.

07.01.2016 Übertragbare Colistin-Resistenz in Keimen von Nutztieren in Deutschland

BfR weist auf die Übertragbarkeit eines Resistenzgens in der Human- und Veterinärmedizin hin:

Erste Untersuchungsergebnisse aus dem Resistenzmonitoring am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zeigen, dass das erstmalig in China nachgewiesene übertragbare Gen mcr-1, das eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Colistin verursacht, auch in Darmbakterien von Nutztieren in Deutschland weit verbreitet ist. Am häufigsten wird diese Colistin-Resistenz bei Escherichia coli von Mastgeflügel nachgewiesen. Übertragbare Resistenzgene können von harmlosen Darmbakterien, den sogenannten kommensalen Keimen, auf Krankheitserreger übertragen werden und die Therapie gegen diese Krankheitserreger erschweren. Bisher wurde davon ausgegangen, dass eine Resistenz gegenüber Colistin nicht zwischen Bakterien übertragen werden kann.

26.04.2017 Antibiotikaresistenzen: Erfolge interdisziplinärer Anstrengungen

….In Krankenhäusern nahm der Anteil der ESBL-positiven E.coli und Klebsiellen an allen im Krankenhaus erworbenen Infektionen mit diesen Enterobakterien in Deutschland zwischen 2007 und 2012 von 11,9 % auf 15,4 % zu….

„…. Wir haben gezeigt, dass besonders der unmittelbare Kontakt zu MRSA-tragenden Nutztieren, wie er bei Landwirten oder Tierärzten besteht, ein hohes Risiko für die Übertragungen darstellt. In der Schweinehaltung tragen mehr als 80% der Landwirte den Keim.“

Nicht nur bei Nutztieren, sondern auch bei Pferden, Hunden und Katzen treten MRSA zunehmend als Erreger von Wundinfektionen auf. Die bei diesen Tieren nachgewiesenen MRSA unterscheiden sich aber von denen bei Nutztieren.

Im Rahmen des Projektes wurden nicht nur MRSA bei Nutztieren und Landwirten nachgewiesen, sondern auch andere Bakterien, wie z.B. Enterokokken und Koagulase-negative Staphylokokken, die gegenüber Substanzen, wie z.B. Linezolid oder Daptomycin, resistent sind und in der Humanmedizin als Reserveantibiotika verwendet werden. ….

10.07.2017 Lebensmittel aus Blättern und Gräsern können Krankheitserreger enthalten

BfR gibt Hygienetipps zum Umgang mit Salaten, Kräutern, Tees, Smoothies und anderen pflanzlichen Lebensmitteln

In Deutschland werden zunehmend Blatt- und Grasprodukte verzehrt. Diese können mit verschiedenen Krankheitserregern belastet sein. Deshalb veröffentlicht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) jetzt eine ausführliche Stellungnahme zur Belastung von Blatt- und Grasprodukten mit Bakterien, die beim Menschen Erkrankungen verursachen können. „Salate, Blattgemüse, Kräuter, Tees und grüne Smoothies werden von den meisten Menschen als rundum gesunde Nahrungsmittel wahrgenommen“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Umso wichtiger ist es darauf hinzuweisen, dass auch bei diesen Lebensmitteln Hygienemaßnahmen notwendig sind. Unabhängig davon ist eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse tatsächlich die beste Ernährungsstrategie.“ Zu den vom BfR bewerteten Produkten gehören frische Blattgemüse einschließlich Blattsalate und Kräuter, getrocknete Blatt- und Grasprodukte wie Nahrungsergänzungsmittel, getrocknete Kräuter und Teeblätter sowie grüne Smoothies.

08.11.2018 Resistente Keime: Können Rohkost und Salat ein Gesundheitsrisiko sein?

Salate sind beliebte Lebensmittel, um sich ausgewogen und gesund zu ernähren. Für den Konsum werden sie oft bereits fertig geschnitten und in Folie verpackt zum Kauf angeboten. Von solchen Frischeprodukten ist bekannt, dass sie mit Hygiene-relevanten Keimen kontaminiert sein können. Dass darunter auch Keime sind, die Resistenzen gegen Antibiotika tragen, hat eine Arbeitsgruppe unter Federführung von Professor Dr. Kornelia Smalla vom Julius-Kühn-Institut (JKI) nachgewiesen. „Diesem Befund müssen wir auf den Grund gehen“, sagte Professor Dr. Georg Backhaus, Präsident des Julius-Kühn-Instituts. Bekannt ist, dass antibiotikaresistente Bakterien in Gülle, Klärschlamm, Boden und Gewässern vorkommen. „Dieser besorgniserregende Nachweis auf Pflanzen reiht sich in ähnliche Befunde bei anderen Lebensmitteln ein“, ergänzt Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung. „Was dies für das gesundheitliche Risiko von Verbraucherinnen und Verbrauchern bedeutet, wird jetzt vordringlich bewertet.“

Die aktuelle Situation

In Deutschland infizieren sich jedes Jahr schätzungsweise 400.000 bis 600.000 Patientinnen und Patienten im Krankenhaus mit einem Erreger. Ungefähr 10.000 bis 15.000 dieser Krankenhausinfektionen führen zum Tod. Eine Hochrechnung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. geht sogar von 800.000 bis 1,2 Millionen nosokomialen Infektionen und 20.000 bis 30.000 Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus.

Fazit

Diese Statements des Bundesinstitut für Risikobewertung der letzten 25 Jahre lassen nur den Schluss zu, dass der Gesetzgeber nicht adäquat reagiert, die Problematik nicht ernst nimmt oder sich einer gewichtigen Lobby unterwirft. Ernst zu nehmen ist die illegale Anwendung der Antibiotika in der Masttierhaltung in großen Stil. Eine Änderung der Tierhaltung hin zu einer artgerechten Haltung ist die einzige Möglichkeit aus diesem Kreislauf auszutreten. Wenn mehrere hundert oder tausend Tiere auf engstem Raum zusammen gepfercht vegetieren, so sind Infektionen ohne Medikamente nicht einzudämmen.

Die Warnungen vor dem Verzehr von ungekochtem Gemüse und Salaten grenzt an eine Farce. Da wird die mit resistenten Keimen verseuchte Gülle auf Felder zur Herstellung von sogenannten „Lebensmitteln“ aufgebracht. Enthalten sind gleich auch reichlich Antibiotika. Unbenannt ist das Problem der Abwässer und des Klärschlammes, die ebenfalls zur Verbreitung der Probleme beitragen.

Betrifft das den Tierhalter und seine Tiere?

Welchen Risiken ist der Tierhalter ausgesetzt?

  • Die Risiken sind bei Einhaltung der üblichen hygienischen Standards relativ gering.
  • Dennoch werden immer häufiger Patienten in der Tierheilpraxis vorgestellt, die bei alltäglichen Infektionsgeschehen nur eine geringe Sensitivität auf verschiedene Antibiotika zeigen. Das können schlecht oder nicht heilende Wunden sein oder auch bakterielle Infektionen der Atemwege. Auch nach dentalen Operationen treten immer wieder Heilungsschwierigkeiten auf. Patientenbesitzer suchen daher naturheilkundliche Hilfe.

Welches Risiko bringt barfen mit sich?

  • Ganz sicher besteht ein hohes Infektions-Risiko bei der Zubereitung von rohem Fleisch. Der Verzehr sollte bei Abwehr geschwächten Tieren ebenso gut erwägt werden, wie bei Tieren mit Erkrankungen des Verdauungstraktes, die mit massiven Dysbiosen einhergehen. In dem Fall sollte das Fleisch erhitzt werden.
  • Es nicht flächendeckend möglich Tiere mit Fleisch aus Bioproduktion zu versorgen. Aber auch dort finden sich resistente Keime, wenn auch deutlich seltener als bei konventioneller Mast.

Quellen

  • Bundesinstitut für Risikobewertung, diverse Seiten dort:

https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/1996/01/avoparcin_als_futterzusatzstoff_in_der_tierernaehrung_vorlaeufig_verboten-780.html

  • Volker Rusch, Bakterien -Freunde oder Feinde
  • Susanne Kirsten, Unterrichtsmaterialien „Strategien zur Behandlung von resistenten und nichtresistenten Keimen in der Tierheilpraxis“

Susanne Kirsten, Tierheilpraktikerin

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